Gesellschaft,  Reportage

Gastro erfindet sich neu

Es ist Sommer 2020, die Straßen sind voll, die Gastro boomt und Corona ist besiegt im schönen Bayern. Oder zumindest könnte man den Eindruck haben, wenn man durch den Englischen Garten an einem sonnigen Freitagnachmittag spaziert und anschließend einen Schwenker durch Schwabing zieht.
Dort finden sich kleine Oasen, die aus Parkplätzen sprießen und Durstigen nicht nur Schatten spenden. Dabei ist es kaum Monate her, da waren diese Straßen noch leer und gespickt von eiligen, konfusen Hamstern, die drei Großpackungen Klopapier nachhause horteten. Jetzt wirkt das beinahe wie ein weit entfernter komischer Traum.

Ein Albtraum, der immer noch bittere reale Konsequenzen für den Alltag von Gastronomen mit sich zieht und die sich jetzt neu erfinden müssen, damit wir weiterhin einen Spritz in der Abendsonne genießen können. Für den zweiten Teil der Reihe über den Struggle der Münchner Gastronomie führte es mich nach Nymphenburg, Pasing und Giesing. Warum der Cantina in der Pasinger Fabrik inzwischen ein Stein vom Herzen gefallen ist, die Gorilla Bar im Stich gelassen wurde, das Schau am moi 60er Trikots verlost und sich freut in Giesing zu sein. Aber „winter is comming“ und das macht Sorgen.

Giesinger Gastro Urgestein: Schau ma moi

© Steins Pictures, geschoßen mit einem Huawei Mate 20

Wie lange gibt es euch?
23 Jahre, im September werden es 24.

Wie habt ihr die Coronazeit erlebt?
Die Schockstarre war zuerst da, dann haben wir das Renovieren angefangen und überlegt, wie man noch Geld organisieren könnte – als Work around – und haben dann unseren alten Tresen verkauft, das hier ist die neue Platte, die alte haben wir zusammen mit „Schau ma moi“-Boxen, mit allem möglichen Zeug drinnen, wie Downloads von Musikern und so verkauft. Jetzt gerade gibt’s bei uns Lose, da kann man alles Mögliche gewinnen: Bücher, Platten, CDs, ein 60er- Trikot und so, das ist anscheinend antik mit lauter Unterschriften drauf, oder ein „ihr seid in Giesing-Poster“.

Die Giesinger zeigen uns schon, dass wir wichtig sind und die kaufen und kaufen, unterstützen uns. Es hat ja auch in Giesing den Lokalsupport gegeben, das war auch sagenhaft, was da gekommen ist und das sowas überhaupt gemacht wird, weil das gibt’s nicht in jedem Viertel. Das macht Hoffnung und diese Lockerungen am Freitag machen auch Hoffnung und jetzt haben wir irgendwie das Gefühl, dass wir wieder aufs Gas treten können.

Wie lässt sich die Lage verbessern?
Es ist jetzt gut, wenn man einen Garten hat, dann ist es schön übern Sommer – beruhigend. Wenn der Winter wieder kommt und wieder zugesperrt werden muss, wieder Auflagen kommen, dann kann man uns gar nicht mehr helfen, dann sind wir tot. Es sei denn die Stadt… was natürlich helfen würde wären Mietkostenübernahme oder ja Fixkosten, Personal… also ich konnte kein Kurzarbeitergeld beantragen, weil ich lauter Minijobber hier habe: Denen habe ich aber auch ein bisschen Geld geben müssen aber da zahlt mir keiner was, das kann ich jetzt natürlich auch nicht mehr machen. Beim nächsten Lockdown kann ich nicht… da ist es dann wirklich zu.

Kann man das noch lange so durchhalten?
Ich denke über den Sommer können wir gut kommen, wir schauen, dass wir für Kultur Unterstützung bekommen, es geht ja nicht nur um uns Gastronomen, sondern auch um die Künstler. Da bin ich ganz optimistisch, dass wir da Zuschüsse bekommen. Also über den Sommer mach ich mir da eigentlich keine Sorgen, wenn das Wetter mitspielt.

Im Großstadtjungle: Die Gorilla Bar

© Steins Pictures, geschossen mit einer analogen Leica R5 – Kodak Gold 200

Wie lange gibt’s euch?
Im August werden wir sechs.

Wie habt ihr die Coronazeit erlebt?
Also wir persönlich jetzt haben ganz schnell umgeschalten und auf To-Go gemacht. Und haben dort zumindest ein bisschen aufgefangen. Von Monat zu Monat zumindest die Pacht reingeholt, die weiter bezahlt werden musste und wenn man jetzt persönlich, privat sagen sollte, dann hat man auch eine Beschäftigungsmaßnahme. Das hängt ja alles miteinander zusammen. Ansonsten haben wir von Woche zu Woche nach den Lockerungen geschaut und uns danach gerichtet, wie es geht. Jetzt haben wir die Parkplätze bekommen und schauen, dass wir so schnell wie möglich starten können.

Wie lässt sich die Lage verbessern?
Wir sind eine kleine Bar und da spielt sich viel mit Kommunikation ab. Wir müssen sehr viel kommunizieren mit den Gästen und das erschwert sich bis hin zum Unmöglichen, dass wir durch die Maskenpflicht einfach nicht kommunizieren können mit den Gästen und die Leute nicht an der Bar sitzen können – das ist einfach ein großer Unterschied zu einem Speiselokal. Wir wollen da eigentlich keine Sonderrechte haben aber das wir ganz lange gar nicht erwähnt wurden, das war richtig scheiße. Die Bars wurden ausgeklammert, genauso wie Clubs. Wir zählen uns von der Uhrzeit eher zu Clubs auch von der Menge der Leute die bei uns reingehen: Das war die ganze Zeit sehr stiefkindlich. Ich habe gesucht und das erste Mal, das ich gelesen hab, dass reine Schankwirtschaften Lockerungen bekommen, das ist erst eine Woche her.

Kann man das noch lange so durchhalten?
Wir sind optimistisch, weil wir vorgearbeitet und jahrelang gespart haben, das fällt natürlich auch ins Gewicht unserer Beurteilung. Aber wir würden sagen, wir sind nicht so optimistisch, was den Winter betrifft. Also wenn der Herbst kommt, die ersten Nasen laufen, dann gibt es ganz viele Deutungsprobleme. Ob die laufende Nase jetzt Corona ist oder nicht sei mal da hingestellt, man wird eine psychologische Auswirkung spüren und verhaltene Gäste haben. Deshalb sind wir jetzt positiv, weil wir sehr viele Ideen haben, die wir umsetzen, aber im Winter wird es schwierig, wir sehen den Winter jetzt nicht so positiv.

Kultur neben Gleisen: Die Pasinger Fabrik

© Steins Pictures, geschossen mit einer Eos rp

Hinweis: Zum Zeitpunkt des Interviews wurden die Lockerungen zum 17. Juni noch nicht bekannt gegeben. Dato (28. Juni) ist es wieder erlaubt, mit bis zu zehn Personen, auch welchen außerhalb des eigenen Haushaltes, an einem Tisch zu sitzen.

Wie lange gibt’s euch?
Unter meiner Führung jetzt seit September 2011, also neun Jahre.

Wie habt ihr die Coronazeit erlebt?
Es kam insgesamt sehr plötzlich und ist nach wie vor sehr surreal die ganze Geschichte. Man taumelt so ein bisschen, es war eigentlich alles wunderbar, wir hatten eine super Entwicklung hier und dann ist alles plötzlich runtergefahren. Es ist ja auch noch so, dass hier ein Theater, Kinderprogramm, Galerien und Ausstellungen stattfinden und das fällt natürlich komplett weg. Der Stand jetzt ist, dass man sich komplett neu erfinden muss. Jetzt haben wir gerade mal ein, zwei Wochen Wiedereröffnung und jetzt muss man erst mal schauen, wie die Tendenz so ist.

Was auf jeden Fall fehlen wird, wenn ich den Abend so sehe, haben wir die Leute die am Nachmittag kommen und dann abends ins Theater gehen. Dann würden die Leute zum Essen und Trinken kommen – später die Zuschauer des Theaters, die sich nach der Vorstellung noch hinsetzen zum Essen und Trinken – Die sind natürlich auch nicht mehr da.

Wie lässt sich die Lage verbessern?
Speziell für uns wäre eine Verbesserung, wenn diese Regelung mit den zwei Haushalten wegfallen würde, also größere Gruppen kommen dürfen. Wir haben sehr viel Platz und hatten häufig größere Gruppen von 10/20 Leuten, zum Beispiel Gebärdensprachler, die kommen und das haben wir halt jetzt alles nicht. Es ist einfach nicht der Durchfluss. Also diese Regelung, dass das aufgehoben wird und auch Feiern idealerweise wieder erlaubt werden würde, dass würde uns sehr helfen.

Kann man das noch lange so durchhalten?
Das ist schwierig zu sagen. Für uns problematisch ist, dass wir nicht so einen hohen Personalbedarf im Moment haben; es sind viele in Kurzarbeit, aber die haben mit extremen Einbußen zu rechnen, weil dieses Kurzarbeitergeld, 60 oder 67 %, nicht von Nettogehalt ist… letztendlich sind es nur 50 % und dazu fällt noch das Trinkgeld weg: Also unser Problem ist, dass irgendwann das Personal wegbrechen wird, weil es sich anderweitig orientieren muss. Wir sind hier mit den Aushilfen über 30 Leute und dann hat man das Problem, falls es mal wieder losgeht, dass man die Leute nicht einfach aus dem Ärmel schütteln kann.

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