Ein Mitte 40-jähriger Mann steht mit verschränkten Armen in einer mit vielen Neonlichtern beleuchteten Straße. Es ist Dunkel und die Umgebung sieht asiatisch aus. Der Mann scheint allerdings europäischer Abstammung zu sein und hat einen ernsten Gesichtsausdruck.
Gesellschaft,  Philosophie,  Politik,  Reportage

Eine gefährliche Diskussionskultur

Es gibt so einiges das in den letzten Jahrzehnten aus Amerika herübergewandert ist und dabei oft einen merkwürdig schmeckenden, kulturellen Milchshake ergab. Einen der nach dem ersten Schluck einen leicht verstörten Gesichtsausdruck, gepaart mit einem „Was ist das denn?!“ hervorrufen hat – wie wäre es mit K-Pop? Amerika ist und bleibt vorerst der größten Kultur-Influencer der Welt, dementsprechend lohnt es sich bei neuen Trends genau hinzuschauen. Was natürlich nicht unbedingt schlecht ist aber trotzdem immer wieder für Stirnrunzeln sorgt.

Und da gibt es einen Trend, der mir Sorgen macht; die Diskussionskultur verändert sich.
Die Rede ist von der Entwicklung, dass auf Teilen sozialer Plattformen wie Twitter oder Reddit moralische „Poser-Schlachten“ stattfinden. Ein Trend, der eine Diskussionskultur befördert, bei welcher es längst nicht mehr darum geht einen gemeinsamen Mittelpunkt zu finden. Verstärkt dadurch, dass sich sämtliche Klassen innerhalb der Gesellschaft benachteiligt und als Opfer fühlen möchten (dazu später mehr).

Ich möchte auf die drei Gründe eingehen, warum ich denke, dass dieser fragwürdige Trend mehr und mehr Einfluss gewinnt.

Zuerst: Danke Trump

Für viele war die Wahl von Donald Trump wie kaltes Wasser in kochendes Öl. Ein Präsident, der nicht nur Minderheiten aufs Korn nimmt sondern zusätzlich rassistische Agenda Jargon tauglich macht, ist nun wirklich kein Schlichter zwischen den sowieso schon verhärteten Fronten der amerikanischen Bevölkerung. Bitte korrigiert mich falls ich mich täusche, aber ich kann mich an keinen Präsidenten erinnern, der so offen und direkt von Hollywood und der Mainstream Media angegriffen wurde und es auch zum Teil heute noch wird.

Mit der Politik und den Medien in einen regelrechten Wortkrieg, in dem die Geschoße Provokationen und Vorwürfe sind und das Maß des Erfolges die erzielte Aufmerksamkeit ist, stellt sich die Frage: Wie wirkt sich das auf das Mindset der Bevölkerung aus?
Das gilt besonders für Trump-Unterstützer, denn da Trumps Idiotologie (pun intended) grob und offen aggressiv präsentiert ist, wird alles was sich gegen diese richtet generell abgelehnt oder als linke Meinungsmache banalisiert. Und wie bereits erwähnt erfreut sich Trump nun wirklich nicht medialer Beliebtheit, was Trump-Unterstützer und Kritiker immer weiter auseinandertreibt.

Es geht allerdings nicht nur um die Politiker in Kongressen, sondern besonders um jene, die sich politisch in sozialen Netzwerken engagieren.

Zweitens: Beeinflusste politische Influencer

Politik in Amerika veränderte sich von tatsächlichen politischen Inhalten zu Persönlichkeiten und Selbstdarstellung – In Europa lässt sich ähnliches beobachten und im Internet ist es sowieso dasselbe.
Beeinflussung durch Internetpersönlichkeiten passiert bereits auf verschiedensten Ebenen: von Klamotten bis hin zu politischen Standpunkten.

Als ich den politischen Streamer Destiny aka Steven Bonnel interviewte, erfuhr ich, dass er trotz seiner zahllosen Debatten, die er in seiner Karriere bis dato geführt hatte, nie den Eindruck bekam, dass er tatsächlich die politische Meinung seines Gegenübers beeinflusst habe. Und wir reden hier von einem der größten und aktivsten politischen Streamer auf Twitch in Amerika. Seiner Meinung nach ist diese politische Engstirnigkeit nicht nur Mentalitätsabhängig:

Auf dieselbe Art und Weise wie Fashion-Influencer abhängig sind von Sponsoren, sind politische Influencer abhängig von ihrem Publikum; entweder durch Spenden oder Abonnenten. Während Fashion-Influencer ihr Einkommen mit Werbemaßnahmen für eine spezielle Marke absichern können, müssen politische Influencer zu einer speziellen, politischen Agenda stehen und welche das ist bestimmt ihr Publikum. Warum? Weil sie sonst ihr Einkommen gefährden!

Betrachtet man die Abhängigkeit dieser politischen Akteure von Besucherzahlen, Spenden und Abonnenten ergibt es Sinn, dass diese nach immer neuen Wegen suchen, um diese Zahlen zu steigern. Und es gibt einen sehr modernen und einfachen Weg dies zu tun.

Outrage-Porn

“[…] outrage and indignation are and always will be pageview magnets. “Outrage porn,” as we’ve come to call it, checks all the boxes of compelling content—it’s high valence, it drives comments, it assuages the ego, projects guilt onto a scapegoat and looks good in your Facebook Feed.” (Ryan Holiday, How the Need For ‘Perpetual Indignation’ Manufactures Phony Offense)

Gegen Ungerechtigkeit kämpfen fühlt sich gut an und ein Opfer von Ungerechtigkeit zu sein kann sich sogar noch besser anfühlen, solang man jemanden hat der Schuld für die Situation sein soll. Genau für diesen Zweck gibt es Outrage-Porn (zu dt.: Empörungs-Pornographie).

Es ist ein einfacher Weg, Menschen das Gefühl zu geben, dass sie etwas Besonderes sind oder zumindest besser als jemand Anderes. Damit ist es ein beliebtes Mittel für jeden, der auf eine einfache Art möglichst viel Traffic und Besuche auf seiner Seite/Channel erreichen möchte. Der Grund, warum sich Outrage-Porn einer so großen Beliebtheit erfreut, liegt an einer generellen Tendenz Richtung eines „victimhood chic“ (zu dt.: Opfer sein ist schick).

“”Victimhood chic” is in style on both the right and the left today, among both the rich and the poor. In fact, this may be the first time in human history that every single demographic group has felt unfairly victimized simultaneously. And they’re all riding the highs of the moral indignation that comes along with it”. (Mark Manson, The Subtle Art Of Not Giving A Fuck, Seite: 110)

Mit Themen wie dem Schusswaffen-Verbot, Geschlechtergleichstellung, Migration, der neuen Rechten, demografischen Wandel, globale Erwärmung und so weiter, bieten sich viele Möglichkeiten Empörung zu generieren.

Das „Beste“ an Outrage-Porn ist nicht nur, dass es einfach zu generieren ist, vielmehr kann er zwei politische Lager gleichermaßen empören: die die sich diskriminiert fühlen und diejenigen die angeblich diskriminieren. Was zu einem Strudel der Empörung führt. Einen Strudel mit endlosen Traffic-Potential für diejenigen, die bereit sind die verschiedenen Lager mit frischen Content zu beliefern.

Die große Frage die sich stellt ist dementsprechend, wie ungesund ist die ständige Bombardierung mit Outrage-Porn tatsächlich und lenkt diese nicht sogar von Themen ab, welche Empörung verdient haben? Ich möchte euch diese Dynamiken anhand eines Beispiels aus der näheren Vergangenheit verdeutlichen.

Moralisches Schlachtfeld: Twitter und Reddit

Ich denke nicht dass ihr bereits von dem Polnischen Entwicklerstudio CD-Red gehört habt. Es ist ein relativ kleines Studio, ist aber sehr beliebt innerhalb der Gaming-Community da es seit Jahren seinen Fokus auf hoch qualitative Unterhaltung, Geschichten und Präsentation legt und das alles für anständige Preise – ganz im Gegensatz zu großen Entwicklern, wie EA oder Ubisoft, die ihre Fan-base mit fünf Euro Mini-Transaktionen für ein paar neue Sims Klamotten aussaugen.

Der Grund, warum ich CD-Red an diesen Punkt erwähne, ist dass das Studio war vor kurzem heftiger Kritik ausgesetzt war. Grund war ein Post der eine Minderheit innerhalb der Bevölkerung diskriminierte. Die Reaktionen auf den Twitter-Post fielen ganz anders aus als erhofft und natürlich verhalf das Löschen des besagten Tweets ganz und gar nicht für weniger Aufruhr. Hier ist der Originale Post, die darauffolgende Entschuldigung und einige Reaktionen darauf:

Betrachtet man die Retweets auf diese Posts stellt man schnell fest: Dieser Zwischenfall machte Schlagzeilen und das nicht nur in eine Richtung. Auch Tweets die sich gegen CD-Red richteten wurden aufs Korn genommen und heftig kritisiert – oder auf die Spitze getrieben: Es wurden sogar Youtube-Videos produziert, die sich über die Empörten lustig machen.
Das Schlimmste dabei ist, diese Videos und Posts gegen die Empörten sind transphobischer und verletzender als der ursprüngliche Tweet von CD-Red jemals gewesen ist.

Ich möchte gar nicht ins Detail bezüglich der verschiedenen Reaktionen gehen, worauf ich allerdings aufmerksam machen möchte ist der Prozess als Ganzes betrachtet; denn genau hier liegt das entscheidende Problem!

Denn natürlich bekamen nicht die Tweets die größte Aufmerksamkeit, die sich konstruktiv mit dem Thema auseinandergesetzt oder zumindest den Kontext erläutert haben. Nein, am meisten geteilt wurden eben solche die möglichst aggressiv und polarisierend aufgetreten sind und das gilt nicht nur für diejenigen die gegen CD-Red argumentierten, sondern besonders für die Gegenseite.
Und nur um das nochmal zu unterstreichen, es gab durchaus konstruktives Feedback in der gesamten Diskussion:

Kommentare wie dieser erklären den gesamten Hergang und Hintergrund der Entrüstung perfekt!
Dennoch, jetzt wo jeder von jeden provoziert und empört ist, egal in welches Lager man blickt, sind sämtliche Brücken eingerissen diese Thematik zu lösen, geschweige denn abzuschließen.

Und ehrlich gesagt, ich denke es war von vornherein wenig Spielraum eine Mittelweg zu finden, zumindest nicht für diejenigen die die Diskussion dominierten. Eher ging es darum die eigene Meinung möglichst publik zu machen und dabei eine andere anzukreiden.

Es gab ein vorbereitetes Schlachtfeld, der schlechte Wortwitz von CD-Red, und ein paar sehr, sehr wütende und empörte Menschen auf beiden Seiten; die nur darauf warteten sich gegenseitig ihre Argumente und Beleidigungen um die Ohren zu pfeifen – damit komplett die Diskussion einzunehmen.

Oh und nicht zu vergessen: Jedes Entwicklerstudio wird sich hüten jemals einen dieser moralischen Kreuzzüge auf ihren sozialen Kanälen zu starten. Ergo: Das Thema wird erstmal nicht in der Mainstream-Diskussion zu finden, geschweige denn gelöst werden.

Schlussendlich eine sinnfreie, übertriebene, verletzende und radikalisierende Diskussion, die absichtlich zur Eskalation gebracht wurde um ein paar Influencer zu pushen.

Eine tatsächliche Diskussion oder Unterhaltung über das Thema führen zu können wurde dadurch nur erschwert, Personen die einen tatsächlichen, wertvollen Input geben könnten wurden nicht gehört und solche die sich mit der Thematik nur oberflächlich beschäftigten abgeschreckt. Das ist eine Diskussionskultur, vor der man Angst haben darf!

Eine gefährliche Diskussionskultur

Was wäre, wenn die meisten der aggressiven Tweets auf beiden Seiten einzig mit dem Ziel mehr Follower zu bekommen motiviert gewesen waren, anstatt eine tatsächliche Ungerechtigkeit anzusprechen. Was passiert, wenn politische Influencer ihre politischen mit monetären Werten austauschen und politische Themen mehr und mehr zu einem Wettkampf um Aufmerksamkeit und Subscriber verkommen. Und wie problematisch wäre das für eine Generation, die sich ihre politische Meinung großteiles aus sozialen Portalen formt. Wenn es nur in eine Richtung geht – die die Gesellschaft in radikalisierte Fraktionen teilt.

Wo bleibt noch Zeit für Wachstum, wenn jeder denkt er ist im Recht und der andere nicht?
Es gibt ein altes Sprichwort: „Eine schlaue Person, die weiß, dass das was sie tut falsch ist, verursacht weniger Schaden als eine dumme, die denkt, dass das was sie tut das richtige ist.“ Und so wie es im Moment aussieht wird es einige Menschen geben, die denken sie tun genau das richtige.


Wie immer bin ich gespannt auf eure Gedanken und Feedback zu dem Thema. Fühlt euch eingeladen meinen Standpunkt zu hinterfragen oder korrigieren falls ihr der Meinung seid ich habe einen Fehler gemacht oder etwas vergessen. Danke fürs Lesen und einen wunderschönen Tag.

Grüße
Daniel

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