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Der steinige Weg zur Selbstständigkeit

Und da war es ein Jahr

Zwischen Euphorie und Verzweiflung war alles dabei, eine Achterbahn in welcher der einzige Ausstieg ach so häufig Rausch und Schwindel war – wie ironisch… Aber jetzt mal Stopp und von vorne. Wie war das noch mit der Selbstständigkeit?

Vor etwas über einem Jahre legte ich meinen Chefredakturen die Kündigung auf den Schreibtisch, einen Monat später die Gewerbeanmeldung des Fotografen Steins Pictures auf meinen Schreibtisch.

Im Herbst scherzte ich, dass wenn meine Fotografenkarriere nicht zum einjährigen abgehoben ist, dann gehts auf Weltreise… Jetzt nach einem Jahr voller Küchenschichten, Beziehungsfehlläufen (Selbst und ständig, man kennt das Mantra), etlicher Stunden Selbststudium und schärfen meiner Fähigkeiten und vor allem viel, viel investierten Geld in Ausrüstung und Fachwissen, stellt sich für mich die Frage; Soll ich in Asien oder Amerika anfangen?

Aller Anfang ist schwer, besonders ohne Plan

To be fair: Mein fotografischen Kenntnisstand vor einem Jahr war nicht auf den Stand um mich damit selbstständig zu machen. Wenn ich mir jetzt die Bilder anschaue, mit denen ich nachhause gegangen bin mit einem breiten Grinsen, selbst auf die Schulter klopfend „das waren die besten Portraits, die du bisher geschossen hast„, konnte gar nicht in Worte fassen warum: Hatte die Sorge es waren Schnappschüsse, die ich evtl. nicht rekonstruieren kann. Ich musste zuerst lernen, warum diese Bilder gewirkt haben, welche Faktoren und Elemente die Aufnahme ausdrucksstark machten und das hat ein Jahr gedauert.

Damals war ich aber überzeugt, dass das doch keine so schwere Nummer werden könnte… Ohne Branchenkontakte, fotografischer Ausbildung oder Studio eine Selbstständigkeit in der Fotografie aufzubauen oh Boy, da warst du aber sehr optimistisch.

Dunning-Kruger Effekt

Vorweg, ich liebe den Dunning-Kruger Effekt, weil er so viel über uns Menschen und unsere Eigenwahrnehmung zusammen fasst.
Generell spielen zwei Faktoren hierbei eine Rolle: Confidence (Selbstbewusstsein) und Experience (Erfahrung).

Im Endeffekt beschreibt der Effekt die typische Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen, während eines Lernprozesses. Beginnt man damit sich in ein Thema einzuarbeiten, lernt man zu Beginn sehr viel auf sehr kurze Zeit, man weiß plötzlich mehr über das Thema als Jemand, der sich noch nie damit auseinandergesetzt hat. Man kommt sich wahnsinnig schnell, wahnsinnig kompetent vor und wenn man an dem Punkt aufhört sich weiterzubilden, hält man sich für einen Experten, obwohl mal ein Anfänger ist. Lohnt sich in Erwägung zu ziehen, wenn man vorhat sich in einem Bereich in die Selbstständigkeit zu stürzen.

Möglichst viele Aufträge ablehnen

Aber manchmal gehts halt nur nach vorne, also lernen wie man Verträge schreibt, Website baut, Aufträge akquiriert etc.. Spannenderweise habe ich in diesem Jahr mehr Aufträge abgelehnt als ich sie akquiriert habe – WOW (für den Fall die Ironie meiner Zwischenüberschrift nicht durchgedrungen ist; es ist ironisch gemeint).

Grund war übrigens, das ich der Meinung gewesen bin, dass ich das gewünschte Shooting mit meiner momentanen Ausrüstung und Kenntnisstand nicht leisten kann – sich selbst einzuschätzen, was man gut kann und was man lieber bleiben lassen sollte, gehörte auch zum Lernprozess. Das hat übrigens auch etwas mit dem Dunning-Kruger Effekt zu tun aber dazu später mehr.

Hat diese Einstellung geholfen ein sicheres Nebeneinkommen aufzubauen? Meeeeh… Nein, von der Selbstständigkeit mal ganz zu schweigen. In dem Kontext frage ich mich auch allzu häufig „habe ich alles gegeben?

Das ist übrigens der dritte Post über meine Erfahrungen in den Berufseinstieg als Fotograf. Wer sich für den ersten interessiert, der kann ihn hier lesen.

Das Ziel ist im Weg, nein wirklich

Also habe ich nun alles gegeben? Aber absolut nicht und ich muss sagen zum Glück.
Ich hatte Phasen, in denen ich kaum etwas anderes als vorankommen im Kopf hatte und die mich regelrecht ausgesaugt, mir den Spaß an dem ganzen Projekt genommen haben. Danke Corona an diesem Punkt für die Zwangsentscheunigung und ebenso meiner unfreiwilligen Wanderung in die Berge Kyotos. Denn den Spaß an der Sache verlieren und es nur des Geldes wegen machen, ist das letzte worauf ich Lust habe. Außerdem gibt es Dinge, die mehr wert sind als Geld und Fame (Koks und Nutten – kleiner Scherz: Ich meine natürlich Erfahrung).

Überhaupt konnte ich jetzt schon soviel für mich und über meine kleine Welt mitnehmen durch dieses Experiment: Die vielen Menschen die ich portraitieren durfte (gerade die auf Reisen), die vielen Fehlschläge und kleinen Erfolg (wenn dann nach Monaten endlich das eigene Unternehmen bei Google Maps gefunden wirdWOW) oder nehmen wir diese absurde Workshop-Situation: Mit zehn Hochzeitsfotografinnen in einem Ferienhaus in den Bergen (Unfassbar welche Dynamiken zwischen einer Gruppe Frauen innerhalb einer Woche entstehen kann – aus männlicher Perspektive direkt eine zwischenmenschliche Sensation), die Freundschaften (auch die oberflächlichen) und natürlich die vielen geilen Bilder. All das hätte ich nie erleben dürfen, hätte ich nicht diesen mutigen Schritt gewagt.

Zu erfahren, wie es sich anfühlt einfach komplett einem Ziel hinterherzurennen. Denselben Funken Begeisterung bei anderen Fotografen aufflackern zu sehen und gleichzeitig den vielen Chancen zuzuwinken, die man nicht genutzt hat, weil man nicht den Kopf dazu gehabt hat.

Ganz selbstständig abschalten lernen

Das wird nun im zweiten Jahr eine große Herausforderung sein – Irgendwohin fahren und das Haus ohne Fotoausrüstung verlassen. Endlich mal bei Google ganz oben stehen und sich weniger um dieses ominöse SEO zu kümmern. Mehr Reisen, denn am meisten konnte ich fotografisch wachsen, wenn ich mich in einer unbekannten Umgebung einfach ausgetobt hatte. Ehrlich gesagt auch zu lernen zwischen Gastronomie Job und angestrebter Selbstständigkeit nicht den Rausch zum Durchatmen zu nutzen (zum Glück seit diesem Jahr auch immer mehr Sport – da hat er mal was richtig gemacht). Außerdem möchte ich dieses Jahr eines unbedingt finden.

Dieses durch die Wand alles alleine aufstellen… da fehlt einiges: Passionen teilen, miteinander zu wachsen und gemeinsam an etwas Großen zu arbeiten… in einem Team zu arbeiten.
Mir ist das beim Spielen in Bands schon früher aufgefallen, wenn man nur für sich spielt, entwickelt man sich oft sehr viel langsamer weiter. Die besten Stücke kamen eher dann heraus, wenn man in der Gruppe einfach gejammt und sich voneinander inspirieren lassen hat. Und Input, bzw. Bekräftigung von anderen Fotografen die man bewundert kann wahre Wunder helfen, denn…

Wir sind doch alle Hochstapler

Es gibt da nämlich noch einen anderen Aspekt des Dunning-Kruger Effektes.

Je mehr Wissen und Erfahrungen man sammelt, desto mehr weiß man, dass man eben alles andere als ein Experte ist. Weil das ganze Feld viel größer und komplizierter ist als man erwartet hatte. Folglich rutscht das Selbstbewusstsein in die eigenen Fähigkeiten immer weiter in den Keller. Und das, obwohl man paradoxerweise ja immer mehr weiß und damit kompetenter ist (Deswegen halten sich übrigens Hobbyisten gerne für schlauer als Experten und sind nicht müde ihr Halbwissen zu tröten). Dann kommt irgendwann zwangsweise der Punkt, an dem man sich fühlt wie ein Hochstapler, weil man ja weiß, wie viel man eben nicht weiß.

Quelle: explainxkcd.com

Und wenn man sich mit Fotografie in die Selbstständigkeit einarbeiten möchte, ohne Ausbildung oder Kontakte… Sagen wir einfach ich kenn diesen Effekt inzwischen sehr, sehr gut und muss mir immer wieder selbst auf die Finger klatschen und daran erinnern: „Hey, an sich bist du schon kompetent. Ja wirklich! Relax, mach weiter und werd noch besser„.

Pack die Lanze ein, wir gehen Windräder jagen

Es wäre ja nicht so, dass da nicht auch andere Fotografen unterwegs sind, die genau denselben Traum der Selbstständigkeit verfolgen – Genau dasselbe Struggle haben. Inzwischen kenne ich auch ein paar von den Kollegen, die von der Selbstständigkeit in der Branche träumen – richtig was drauf haben aber es trotzdem noch nicht geschaffen. Wenn ich dieses Wollknäuel mal entwirren sollte, dann schreib ich euch das hier meine Lieben.

Oder lieber nicht? Vielleicht ist der anstrengende, ungewisse Teil ganz wichtig in der Erfahrung und ein Lifehack (werde mit diesen 10 simplen Schritten zum Profifotografen) nimmt dem ganzen jeglichen Reiz.

Ich möchte diesen Post mit einem Zitat von Alan W. Watts beenden, welches mich die letzten Tage häufig noch wach gehalten hat und was ich finde, irgendwie gut zum Thema passt:

“Let’s suppose that you were able every night to dream any dream that you wanted to dream. And that you could, for example, have the power within one night to dream 75 years of time. Or any length of time you wanted to have. And you would, naturally as you began on this adventure of dreams, you would fulfill all your wishes.

You would have every kind of pleasure you could conceive. And after several nights of 75 years of total pleasure each, you would say „Well, that was pretty great.“ But now let’s have a surprise. Let’s have a dream which isn’t under control. Where something is gonna happen to me that I don’t know what it’s going to be.

And you would dig that and come out of that and say „Wow, that was a close shave, wasn’t it?“ And then you would get more and more adventurous, and you would make further and further out gambles as to what you would dream.

And finally, you would dream … where you are now. You would dream the dream of living the life that you are actually living today.”

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